header image

Schicksale  

Das Leben hat Martin Jessen und Teofil Janaczyk zusammengeführt. Die beiden Männer sind Teil einer Geschichte, die sie einst voneinander trennte.

von Helge Berlinke

Ladelund – Vielleicht haben sich Teofil Janaczyk und Martin Jessen gesehen. Der eine beim Schippen, der andere beim Gang über den Hof. Eine Begegnung, die unbemerkt bleiben musste, die nicht mehr als einen gestohlenen Augenblick in Anspruch nehmen durfte, so flüchtig, dass höchstens sie selbst ihn bemerkten, so kurz, dass sie sich nicht einmal ihre Gesichter einprägen konnten.

Teofil Janaczyk, geb. 1925 im polnischen Kalisz. Mit 16 Jahren nach Deutschland verschleppt. Zwangsarbeit in Berlin. Von der Gestapo wegen des Besitzes eines Radios festgenommen. Im Juni 1944 zu lebenslanger Gefängnisstrafe verurteilt.Dreimonatige Inhaftierung in Beeren (Berlin). Verlegung ins Konzentrationslager Neuengamme. Arbeit beim Leichenkommando. Entkleidung der Toten.

November 1944: Transport nach Ladelund (Außenlager Neuengamme). Arbeiten am Friesenwall. 

Martin Jessen, geb. 1916 im nordfriesischen Westre. Im Geburtsjahr nach einem Unfall Verlust des rechten Auges. Im Zweiten Weltkrieg deshalb nur „garnisonsverwendungsfähig“. Weihnachten 1942 Hochzeitsurlaub. Eheschließung mit Elly Jessen geb. Hansen am 25. Dezember. 14. April 1943 Entlassung von der Wehrmacht. Einsatz als Verwalter eines landwirtschaftlichen Betriebs in Westre, ein unmittelbar an den Friesenwall grenzendes Gehöft.

Teofil Janaczyk steht mit den Füßen im Schlamm. Es regnet in Strömen. Der Friesenwall soll als Panzersperre dienen, eine Invasion der Alliierten von Norden zum Erliegen bringen. Drei Meter tief und vier bis fünf Meter breit dringen er und seine Leidensgenossen in das Erdreich ein. Die Arbeit ist hart. Die Männer leiden an Unterernährung. Pro Tag gibt es 100 Gramm Brot und Sauerkrautsuppe. Die SS schlägt die Häftlinge mit Stöcken. Viele sterben vor Erschöpfung. 

Martin Jessens Mutter wirft Kartoffeln in den Graben. Die Häftlinge schaufeln Sand darüber. So als hätten sie es nicht bemerkt. Sie fürchten die Wachen. Sie dürfen sich nicht erwischen lassen. In einem verstohlenen Augenblick greifen sie mit den Händen in das Erdreich und lassen die Kartoffeln in der Kleidung verschwinden.

Irgendwann hört Martin Jessen einen Schuss. An das genaue Datum kann er sich nicht mehr erinnern. Ein Mann hat eine Rübe aufgehoben. Die Wachen erschießen ihn. Häftlinge wie Teofil Janaczyk wissen das. Martin Jessen ahnt es. Aber Genaues erfährt er erst Jahre später. 

Sein Auge sieht, auch sein Gehör ist intakt. Und doch muss Martin Jessen so tun, als wäre er ein Mensch ohne Sinne. Er schweigt. Er denkt an seinen Vater. Der hat versucht, einem Häftling Tabak zuzustecken. Der Aufseher, von dem er erwischt worden ist, hat ihm gedroht: „Wenn du das nochmal machst, kannst du hier mitmarschieren!“ „Mitmarschieren“ wie Teofil Janaczyk. Eine dieser Gestalten, wie Martin Jessen die KZ-Insassen nennt. Ausgemergelte Männer ohne richtige Schuhe, ohne vernünftige Kleidung. 

Die Häftlinge, die die Strapazen überleben, werden am 16. Dezember 1944 aus Ladelund abgezogen. Die Wege von Teofil und Martin trennen sich. Das Leben geht weiter. Es bleibt nicht stehen. Natürlich nicht. 

Längst ist aus Martin Jessen ein alter Herr geworden. Einer, dem das Laufen schwerfällt, der deshalb lieber in seinem Sessel sitzt. Einer, der gern Kaffee trinkt und Plätzchen ist, aber mehr noch als Kaffee und Plätzchen das Erzählen liebt. Er freut sich, wenn ihm die Menschen zuhören, wenn er etwas von seinen Erfahrungen weitergeben kann und wenn sie über ihn lachen. 

Wenn sie über ihn lachen, lacht er auch. Er lacht dann über das ganze Gesicht. Regelrecht verschmitzt sieht er da aus, wie ein kleiner Lausejunge, ein Lausejunge von 85 Jahren. Er sagt, das mit seinem Auge sei halb so schlimm, weil man das, was man auf dem Hinweg sehe, auf dem Rückweg bewundern könne. Und überhaupt das Auge, das hätte er im Ersten Weltkrieg verloren  – als er aus dem Kinderwagen gefallen sei! Und wenn er solche Scherze etwas lauter, über den Tisch hinweg erzählt, so dass auch seine Frau Elly ihn verstehen kann und sie ihm ein strahlendes Lächeln schenkt, weiß man, dass er ein glücklicher alter Mann ist. Wo ist da noch Platz für das Gestern? Für das, was er mit ansehen musste, als die Häftlinge im Dorf waren?  

Jeder Mensch hat eine andere Konstitution, so ist das einfach, sagt er. Das, was er gesehen hat, raube ihm nicht den Schlaf. Zu schaffen, macht ihn nur, wenn er plötzlich in der Tagesschau sieht, dass sich diese Bilder wiederholen. Wie in Bosnien oder im Kosovo. 

Seit 1962 hat die Familie Jessen Kontakt zu Überlebenden KZ-Häftlingen. Martin Jessen stemmt sich aus seinem Sessel. Mühsam stapft er in sein Arbeitszimmer. Auf dem Tisch liegen mehrere Fotoalben. Erinnerungen. Das Leben geht weiter. Für manche ist es ein schmerzhaftes Leben. Martin Jessen erzählt, dass es Überlebende gibt, die sich immer noch nicht nach Deutschland trauen. 

Als er zurückkommt, hält er einen weißen DIN A4-Zettel in der Hand. Ein mit der Maschine verfasstes Schreiben aus dem Jahre 1993. Es stammt von Teofil Janaczyk. Ein Dankeschön nach seinem Besuch bei den Jessens in Ladelund. 48 Jahre nach Kriegsende konnten sich die beiden Männer ohne Angst vor der SS oder einem übereifrigen Kapo in die Augen sehen. Sie mussten sich nicht abwenden. Sie durften sich erkennen. Und sie redeten miteinander – über das, was geschehen war, in jenem Spätherbst 1944.

 

Kommentare sind derzeit geschlossen.

 

»