
13. April 2010 / Von Ursula Konitzki
Bis zum 5. Juni ist eine Sonderausstellung “Deserteure an Front und Heimatfront?” zusätzlich zur historischen Darstellung über das KZ-Ladelund 1944 in der Gedenk- und Begegnungsstätte zu sehen. Zustande gekommen, so Leiterin Karin Penno-Burmeister, ist die Ausstellung durch Dr. Karin Tuxhorn. Sie gehört dem Ausschuss der KZ-Gedenkstätte an, hat an der Bielefelder Universität promoviert und die Ausstellung dort kennengelernt.
Ergänzung der Wanderausstellung
Die Sonderausstellung wurde vom Verein für Zeitgeschichte und regionale Erinnerungskultur Bielefeld unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Jörg van Norden erstellt. Sie ist eine regionale Ergänzung der Wanderausstellung “Was damals Recht war – Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht” von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.
Der Historiker und Oberrat an der Universität, Dr. Jörg van Norden, führte bei der gut besuchten Eröffnung in das Ausstellungsthema ein. Fachgerecht mit aufgebaut wurden die Stelen mit Lebensläufen von Inhaftierten des Gefangenenlagers Oberems von Georg Härtlich aus Bielefeld. Er wies die Gedenkstätten-Mitarbeiter auch ein, da Führungen durch die Sonderausstellung unter anderem für Gruppen und Schulklassen nach Vereinbarung angeboten werden. Die Ausstellungseröffnung wurde von einem Meister am Flügel – Holger Mantey – begleitet.
Schicksale
25 Schicksale sind auf den Stelen beschrieben, Einzelschicksale, die deutlich machen, mit welcher Brutalität damals nicht nur im Gefangenenlager Oberems in der Region Gütersloh die Wehrmachtsjustiz und ihre Schergen im Nationalsozialismus vorgegangen sind. Die Ausstellung thematisiert das Schicksal von Insassen, die wegen Bagatell-Delikten unverhältnismäßig hart bestraft wurden, und von Deserteuren, die von Wehrmachtsgerichten zum Tode verurteilt worden sind.
Nur Karten gelegt
Dr. van Norden: “Wir haben die Spitze des Eisberges nur angekratzt.” Vor der Wissenschaft liege noch ein weites Feld der Erforschung der damaligen Gefangenenlager. An den Beispielen der Lagerinsassen, unter anderem von Elsa Schmidt, bekommt das lange vernachlässigte Kapitel des Dritten Reiches – der Strafvollzug – ein Gesicht. Elsa Schmidt wurde mit drei Jahren Zuchthaus bestraft, weil sie mit Bekannten Karten gelegt hat. Ein weiteres Beispiel: Bernhard Wübbeke aus Paderborn wurde zum Regime-Gegner und Volksschädling gemacht, weil er Zigaretten aus Feldpostbriefen gestohlen hatte. Er wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Um dem zu entgehen meldete er sich zur Front. Das schien ihm “attraktiver”. Er fiel.
“Sie erhöhten das Arbeitssoll und senkten die Verpflegungssätze.”
Kleinste Vergehen, so der Historiker, wurden mit Hieben und Inhaftierung geahndet. Die Aufsichtspersonen, die sich unter anderem aus der SS rekrutierten, brutalisierten den Strafvollzug. “Sie erhöhten das Arbeitssoll und senkten die Verpflegungssätze.” Es gelte nachzuforschen, wer diese Aufsichtsbeamten im Strafvollzug waren, und was sie später gemacht haben. Dr. van Norden: “Da gibt es keine Quellen.”
Silhouetten statt Fotografien
Die Ausstellung behandelt das Schicksal von Deserteuren, die von Wehrmachtsgerichten zum Tode verurteilt wurden. Unter den Häftlingen habe es keine aus der “Oberschicht” gegeben. Der elitäre Blick der Richter fiel auf die “Unterschicht” und spiegelte sich in den Urteilen wider. Da es von den Inhaftierten keine Fotografien gibt, hat die Künstlerin Elisabeth Lasche aus Bielefeld Silhouetten nach den vorliegenden Personen-Kennkarten der Verurteilten gezeichnet.
Die Finissage findet am Sonnabend, 5. Juni, 15 Uhr mit einem Vortrag zur Ausstellung von Georg Härtlich statt.